Die noch immer warme Oktobersonne erhellte den Innenraum des Klassikers, lässig lehne ich meinen Arm aus dem offenen Fenster, während mir der liebliche Wind um das Gesicht säuselt. Unglaublich denke ich. Oktober und ich überführe meinen jüngsten Kauf mit offenen Fenstern über die A1 in Richtung Bern. Unglaublich auch, dass ich die Strecke von Frauenfeld im Thurgau bis nach Rothrist ohne einen einzigen Stau bewältigen konnte. Die Nadel auf dem Tacho tänzelt unschlüssig zwischen 50 und 60 Meilen, der Lastwagen vor mir gewinnt weder Abstand, noch nimmt er ab.
Unglaublich auch, dass die Geschichte mit dem Chrysler aus den Fünfzigerjahren wahr geworden ist. Irgendwie kann ich es noch immer nicht recht glauben. Als ich am Morgen den popligen Golf 3 als Beifahrer bestieg, glaubte ich noch nicht an ein Happy End. Nicht mit einem Scharfrichter an der Seite, mein Mechaniker des Vertrauens, der sich freundlicherweise bereit erklärt hat, den Wagen zu inspizieren. Alois ist ein Mopar-Mann durch und durch und kennt sich mit der Materie bestens aus. Zugegeben, wie er selbst sagt, liegt seine Kernkompetenz eher bei den Mopars der Sechziger- und Siebzigerjahre. Aber Kenner ist Kenner. Und ich war mir zu hundert Prozent sicher: Wenn mich einer kompetent beraten kann, dann Alois.
Mein Bauchgefühl verhiess keinen erfolgreichen Ausgang, aber über diesen wusste ich am Morgen, als wir um 08:00 Uhr, in Bleienbach losfuhren, noch nichts. Der Preis im Inserat war mit knapp unter vierzig Tausend Franken angegeben, in Anbetracht der schwierigen Marktlage – bei Spritpreisen jenseits der zwei Franken und der aktuellen Weltlage nicht verwunderlich – stand für mich fest, an dem Preis muss noch geschraubt werden, sofern der Wagen die schwierigen Prüfungen von Alois übersteht.
Das Rad der Zeit zurückgedreht, entdeckte ich den 1956 Chrysler Imperial auf Facebook. Auf dem dortigen Marktplatz war der Amerikaner ausgeschrieben und der Wagen zog mich auf den ersten Blick in seinen Bann. Spontan kam mir wieder der Volvo Amazon in den Sinn, dessen Front an den Chrysler erinnert. Aber wenn schon, war es nicht Chrysler, sondern Volvo, die diese zwei geteilte Front abkupferte, denn Chrysler brachte das Dickschiff bereits 1955 auf die Strasse, während Volvo den Amazon erstmals im August 1956 dem breiten Publikum vorstellte. Ausgeliefert wurde er dann erst ab 1957. Sogar mein guter Sammlerfreund Ueli weiss um die Ähnlichkeit der beiden Wagen, einfach dass der Amerikaner viel wuchtiger da steht. Daher nenne ich den Chrysler bei Oldtimerkennern manchmal spasseshalber; «der aufgeblähte Amazon».
Bei der ersten Kontaktaufnahme mit dem Chryslerbesitzer stellte sich heraus, dass es sich um die Moparsammung eines leider verstorbenen Sammlers aus der Ostschweiz handelte. Ein Teil der Sammlung soll nun verkauft werden, unter anderem dieser Chrysler Imperial in Stardust-Blue mit weissem Dach. Es ist für mich schlicht DER Fünfzigerjahre-Wagen unter den Amerikanern. Mir gefallen sie alle. Von den Cadillacs bis zu den Oldsmobiles, den Buicks und Pontiacs, aber die Chrysler hoben sich irgendwie von allen anderen ab.
Tatsächlich war es die Absicht von Chrysler, mit der Full-Size Linie, sprich Imperial, New Yorker und dem Lettercar, dem 300B, sich zwischen Lincoln und Cadillac seinen Platz unter den Luxuslinern zu sichern, was dem Konzern sehr gut gelang.
Mit dem 1956 eingeführten, damals brandneuen TorqueFlite Dreistufen Automat fährt sich der Chrysler wie eine Sänfte auf den Strassen, der Motorensound – kein Geringerer als der eines 354er HEMI Fire-Power – nimmt man nur dezent durchs offene Fenster wahr, ansonsten gleitet das Dickschiff nahezu geräuschlos dahin. Das lastwagengrosse Lenkrad lässt sich spielend leicht auch mit einem Finger drehen, die Servounterstützung ist gewohnt übertrieben, so wie es während der 50er und 60er-Jahre bei den Amerikanerwagen üblich war. Die ausladende Sitzbank, in der Mitte mit dem Imperial-Adler Logo eingewobenen Stoff, drumherum gestepptes Kunstleder, vermittelt beinahe ein Club-Ambiente. Das Armaturenbrett gleicht einer Jukebox aus derselben Zeit und doch ist alles sauber aufgeräumt und übersichtlich. Nebst viel Stoff und Kunstleder geizt der Innenraum ebenfalls nicht an Chrom und aufpoliertem Alu. Je nach Einfallswinkel der Sonne, können einen die hochglanzpolierten Teile ganz schön blenden. Die Scheiben rundum surren elektrisch hoch und runter, für diese Zeit ebenfalls üblich, zumindest in der Oberklasse.
Pünktlich um 10:00 Uhr landeten wir im Thurgau und die flanelldicken Wolken über dem Himmel haben dem herbstlichen Blau Platz gemacht. Der Schwiegersohn des Verstorbenen nahm sich unser an und führte uns zum Imperial, wir zu Fuss, er auf dem Elektrotrotti. Als sich das Rolltor einer grosszügig angebauten Einzelgarage gemächlich hob, kam das gewaltige Heck des Imperials zum Vorschein. Die auf den Kotflügeln aufgesetzten Bremslichter sind allein ein Blickfang. Der Wagen machte auf den ersten Blick einen sehr guten Eindruck. Das Angebot, ich solle den Wagen gleich selbst rausfahren, lehnte ich natürlich nicht ab. Als ich die wuchtige Türe öffnete, empfing mich ein in zwei ton blaues Interieur. Unmittelbar vor dem dicken Sofa wurde ich mittels einer Hochglanz polierten Platte und der Inschrift; «Imperial» auf das Fahrzeug aufmerksam gemacht, in welchen ich mich nun schwang. Diese Chromstahlplatte mit der Relievschrift «Imperial» war bereits so dominant, als wäre es tatsächlich die Absicht von Chrysler gewesen, den Lenker beim Einsteigen in den Wagen ein letztes Mal darauf aufmerksam zu machen; «Hey, sie setzen sich nun in einen Chrysler Imperial, und nicht in irgendeinen Standardamerikaner der sich jeder leisten kann». Ein erster Dreh am Zündschlüssel und die Blitze schlugen in der Reihenfolge 1 - 8 - 4 - 3 - 6 - 5 - 7 - 2 ein, was dem Motor sofort Leben einhauchte. Mein Sinnesorgan, die Augen, waren von all den chromblitzenden Knöpfen, Schaltern und Hebeln beinahe reizüberflutet. Die Benzinanzeige, die Temperaturanzeige, die Ampere- und die Öldruckanzeige waren, allesamt in einer Rundarmatur vereint. Der Wählhebel für die Schaltung fehlte, stattdessen lugten mich fünf Knöpfe aus einem verchromten Gugelhopf an. Der Chrysler verfügt über den sogenannten Tipptastenautomat.
Das «R» reingedrückt, manövrierte ich das Dickschiff mit Hilfe der weisenden Hände von Alois ans Tageslicht. Auf einem ebenen Stück Asphalt startete mein Mechaniker mit der Fahrzeuginspektion, während ich beim Schwiegersohn etwas über die Fahrzeuggeschichte erfahren wollte. Der konnte mir nicht viel darüber sagen, weshalb er sich auf sein Eelektrotrotti schwang, und nach Hause fuhr, um Unterlagen zu besorgen. Alois hatte währenddessen den Chrysler mittels Wagenheber angehoben und sich unter dem Amerikaner verkrochen. Meine Wenigkeit prüfte unterdessen die Karosserie mit einem einfachen Küchenmagnet und einem Papiertaschentuch. Im unteren Bereich des Wages, dort wo sich die üblich bekannten Roststellen befinden, tippte ich immer wieder mit dem Magnet – darüber das Taschentuch - auf das Blech um die Lackdicke, beziehungsweise mögliche Spachtelstellen zu eruieren. Zum Glück konnte ich keine solchen finden, das Blechkleid schien in Ordnung zu sein. Alois schlüpfte wie die Made aus dem Speck unter dem Chrysler hervor und bevor der Schwiegersohn zurückkam, eröffnete mir Alois, wie gut der Zustand des Wagens sei. Der sei einmal komplett neu aufgebaut worden, der gesamte Unterboden sei in tadellosem Zustand. Lediglich einen leichten Ölverlust beim Simmerring konnte er feststellen, mehr aber nicht. «Das könne auch von der langen Standzeit herrühren», meinte Alois.
Kurz darauf rauschte der Schwiegersohn wieder mit seinem Elektrogefährt an, in einer Hand die Fahrzeugdokumentation. Der Chrysler stammt aus Staunton Illinois, von den Country Classic Cars LLC. Im Jahr 2016 wurde er aus den USA in die Schweiz überführt und am 22. März 2016 in Basel verzollt. Vorbesitzer war ein R. Keller. Die letzte Motorfahrzeugkontrolle beim Strassenverkehrsamt im Thurgau war am 22. Oktober 2021, was bedeutete, dass der Chrysler noch immer eingelöst werden konnte, zumal eben der Code 180 – Veteranenfahrzeug - im Fahrzeugausweis eingetragen war.
Alois hatte Händlerschilder mitgebracht, diese montierten wir nun am Chrysler für eine ausgiebige Probefahrt. Marco, der Schwiegersohn kam mit, es schien, als wolle er den Klassiker nicht einfach den beiden Bernern überlassen, was für uns beide absolut stimmte. Die ersten paar Kilometer bewegte ich den Chrysler und ich war begeistert. Ausserorts beschleunigte der Dampfhammer gemächlich auf die Achtzig Stundenkilometer, aber ich konnte beim besten Willen keinen einzigen Gangwechsel wahrnehmen. Sämtliche Fenster liessen sich elektrisch bedienen, abgesehen von der Benzinanzeige schienen alle Instrumente zu funktionieren. «Der Tank ist voll!» versicherte mir Marco. Als ich gemütlich die schöne Thurgauer Gegend aus dem offenen Fenster bewunderte, war der Imperial insgeheime bereits gekauft, unabhängig vom Preis. Am liebsten hätte ich das Radio angeschaltet und auf Rock’n’Roll aus der damaligen Zeit gehofft.
«Kannst du mal auf der Geraden das Lenkrad loslassen und kräftig abbremsen?», riss mich Alois aus meinen Gedanken. Natürlich, die Fahrzeuginspektion ist noch nicht abgeschlossen. Was mir befohlen wurde, setzte ich um, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass kein anderes Auto – oder sonst ein Fahrzeug - hinter mir war. Die Abbremsung verhiess weniger Gutes. Sie zog den Wagen nach rechts und die Bremsen schlugen, was entweder auf eine Unwucht der Bremstrommeln oder aber, auf abgelaufene Bremsbelege zurückzuführen ist.
«Fahr mal rechts ran, ich übernehme das Fahrzeug», war die nächste Order von Alois. Als mein Mechaniker auf der Fahrerseite einsteigen wollte, betätigte er kurz die elektrische Sitzbankverstellung. Alsbald er am Hebel zog, machte es Klack und der Motor war aus. Plötzliche Ruhe im Cockpit des Chryslers. «Ups» war mir spontan entfallen, denn ich wusste, die Batterie läuft auf dem letzten Zacken. «Lass mich mal raus», befahl mir Marco und presste bereits gegen die Sitzlehne. «Ich habe den Booster bei mir», rettete er die Situation. Doch ich hatte Zweifel, ob dieses kleine digitale Ding, diesen wuchtigen Motor zum Starten bringen würde. Es tat es und die Fahrt konnte fortgesetzt werden, mit Alois am Steuer. Er checkte sämtliche Hebel und Schalter, von den Scheibenwischern bis zur Lüftung, Blinker und Innenbeleuchtung alles systematisch durch. Die Bremse gefiel ihm auch nach mehrmaligen Bremstests nicht besser, dies ist ein Mangel, den ich bei der Preisverhandlung sicher anbringen muss, da waren wir uns auch ohne Worte einig. Ein ernster Blick und ein kurzes Bestätigungsnicken seitens Alois reichten völlig aus.
Die vordere Sitzbank schien die erste zu sein, dieser sah man das Alter an, an ein paar Stellen löste sich das Kunstleder vom Untergrund. Die Probefahrt konnte dennoch als erfolgreich abgeschlossen werden, ein paar Negativpunkte habe ich mir gespeichert und die weiteren verriet mir Alois in einem kurzen Gespräch unter vier Augen. Doch ich spürte deutlich heraus, dass mir Alois keinesfalls von einem Kauf abraten würde, dazu stand der Wagen schlicht zu gut und zu ehrlich da.
Mir war klar, dass ich den Wagen wollte, jedoch beherrschte ich nach all den Jahren im Oldtimergeschäft auch die – ich bleibe cool – Masche. Marco gegenüber legte ich alle Karten auf den Tisch und machte ihm ein aus meiner Sicht faires Angebot. Beim Kaufpreis berücksichtigte ich als einziges teures Kostenfeld, die neuen Sitzbezüge der vorderen Bank. Da diese aus zwei verschiedenen Materialien bestand, und im Stoffbereich zusätzlich das Imperial Adler-Logo eingewoben war, konnte ich mir vorstellen, dass diese Bezüge selbst in den USA nicht einfach so erhältlich wären, und wenn, bestimmt nicht günstig.
Wir wurden handelseinig. Ein vorgesetzter Internet-Vertrag, insgesamt vier Unterschriften, ein Haufen Scheine die auf der Motorhaube eines anderen Chryslers ausgebreitet wurden und ich bin Besitzer dieses wunderschönen 1956er Chrysler Imperials geworden.
Auch wenn ich, wie eingangs der Story beschrieben, die Heimfahrt in vollen Zügen genoss, dauerte es ein paar Tage, bis ich mir bewusst wurde, was für eine Rarität und was für eine Schönheit ich da an Land gezogen hatte. Dieser aufgeblähte Amazon macht sich verdammt gut in meinem Stall.